Von der Couch auf den Ozean: Warum wir alles wagen, ohne zu wissen, wie man segelt
We have a dream. Man sagt, die großen Wendepunkte…
Man sagt, die großen Wendepunkte im Leben kündigen sich mit Paukenschlägen an. Mit Schicksalsschlägen oder plötzlichen Erleuchtungen. Bei uns war es anders. Bei uns war es … ein Algorithmus.
Es war vor zwei Jahren. Wir – Julia und ich – saßen gemütlich im Wohnzimmer. Wir steckten eigentlich mitten in der Planung für unsere nächste Kreuzfahrt. Die Koffer waren im Kopf schon halb gepackt, die Buffet-Zeiten gecheckt. Wir suchten auf YouTube nach ein paar Eindrücken vom Schiff, ein bisschen Vorfreude tanken. Und dann passierte es.
Ein Video tauchte in der Playlist auf, das dort eigentlich nicht hingehörte. Kein riesiger Luxusdampfer, keine Landausflüge auf eigene Faust. Stattdessen: die Blue Horizon. Drei junge Menschen, ein Segelboot, unendliches Blau und die radikale Entscheidung, einfach loszusegeln. Um die Welt. Ohne Rückfahrschein.
In diesem Moment blieb die Zeit kurz stehen. Wir sahen uns an, und ohne ein Wort zu sagen, wussten wir beide: Das ist es. Das wollen wir auch.
Wir wissen, was ihr jetzt denkt. Wir wissen es, weil wir es in den Gesichtern unserer Freunde, unserer Familie und sogar der Verkäufer im Baumarkt lesen können. Dieser Blick, der zwischen Mitleid und Fassungslosigkeit schwankt. „Ihr habt doch keine Ahnung vom Segeln“, sagen sie. „Wisst ihr eigentlich, was das kostet?“, fragen sie. „Das ist lebensgefährlich“, warnen sie.
Und wisst ihr was? Sie haben recht.
Wir hatten keine Ahnung. Wir hatten null Erfahrung. Wir wussten nicht, wie man eine Wende fährt, wie sich ein Boot im Sturm anfühlt oder wie man einen Dieselmotor entlüftet. Aber wir hatten etwas, das viel mächtiger ist als Wissen: Wir hatten ein Ziel.
Was folgte, war ein Marathon der Vorbereitung. Wir haben nicht nur 1.000 YouTube-Videos geschaut – wir haben sie studiert. Wir haben die Nächte durchgemacht, Foren gewälzt und Fachbücher verschlungen. Wir haben die Schulbank gedrückt, als wären wir wieder Teenager.
SBF Binnen? Check.
SBF See? Check.
Segelscheine? Check.
Funklizenzen (UBI)? Check.
Wir haben uns die Theorie in die Köpfe gehämmert, während unsere Herzen schon längst auf dem Wasser waren. Aber Theorie ist nur Tinte auf Papier. Wir brauchten Stahl unter den Füßen.
Dann kam der Moment, der alles veränderte. Wir kauften uns ein Boot. Und nicht irgendeines. Wir fanden eine van de Stadt Norman 40 DS in Holland. Ein massiver Kasko, ein Schiff wie eine Burg, gebaut für die hohe See.
Wir nannten sie Salacia, nach der römischen Göttin des Salzwassers und Gattin des Neptun.
Als wir das erste Mal an Bord standen, spürten wir die Last der Verantwortung. Salacia ist nicht einfach nur ein Boot. Sie ist ein Versprechen. Aber sie ist auch ein Sanierungsfall. Wir haben sie ohne jegliche praktische Segelerfahrung gekauft. Wir haben ein 40-Fuß-Stahlschiff erworben, das nach Liebe, Schweiß und unzähligen Stunden Arbeit schreit.
Viele nennen das naiv. Wir nennen es den Mut, den ersten Schritt zu gehen, bevor man den zweiten sehen kann.
Einer der häufigsten Sätze, die wir hören, ist: „Wartet doch noch, bis ihr mehr Erfahrung habt“ oder „Macht das doch, wenn ihr in Rente seid“.
Wir glauben nicht an den perfekten Moment.
Der perfekte Moment ist eine Illusion, die uns davon abhält, wirklich zu leben. Wer wartet, bis alle Ampeln auf Grün stehen, wird niemals losfahren. Wer wartet, bis er alles weiß, wird niemals anfangen zu lernen. Das Leben findet jetzt statt – zwischen den Roststellen am Rumpf, beim Verkabeln der Elektronik in Recke und bei dem Versuch, ein Schiff über den Rhein zu manövrieren, während man weiche Knie hat.
Letzten Herbst haben wir den ersten großen Beweis erbracht, dass wir es ernst meinen. Wir haben Salacia aus Holland abgeholt. Über den Rhein, durch die Strömung, vorbei an riesigen Binnenschiffen, hinein in die Kanäle bis nach Recke am Mittellandkanal.
Es war unsere Feuertaufe. Jedes Mal, wenn der Motor brummte oder eine Schleuse näher kam, schlug unser Herz bis zum Hals. Aber als wir in Recke festmachten, wussten wir: Wir können das. Wir lernen es. Wir wachsen an der Mammutaufgabe.
Jetzt stehen wir ganz am Anfang. Salacia steht in Recke und wartet darauf, wiedergeboren zu werden. Wir planen locker 2 bis 3 Jahre für das Refit ein. Wir werden jede Schraube kennen, jedes Kabel selbst ziehen und jeden Quadratmeter Stahl versiegeln.
Warum tun wir uns das an?
Sicherheit: Wenn wir mitten auf dem Atlantik sind, wollen wir wissen, wie unser Schiff funktioniert.
Stolz: Es gibt kein schöneres Gefühl, als etwas mit den eigenen Händen geschaffen zu haben.
Vorbereitung: Das Refit ist unser Training. Wer ein Schiff bauen kann, kann es auch segeln.
Es wird Tage geben, an denen wir fluchen werden. Tage, an denen alles schiefgeht und wir uns fragen, warum wir nicht einfach auf der Kreuzfahrt geblieben sind. Aber dann werden wir uns an das Video der Blue Horizon erinnern. Wir werden an den Moment denken, in dem wir das erste Mal die Segel setzen.
Dieser Blog ist nicht nur für uns. Er ist für euch. Für jeden, der eine Idee im Kopf hat, die er sich nicht zu laut auszusprechen traut.
Hört nicht auf die Zweifler. Die meisten Menschen raten euch zur Vorsicht, nicht weil sie euch schützen wollen, sondern weil euer Mut ihre eigene Bequemlichkeit infrage stellt.
Fangt einfach an. Ihr müsst nicht den ganzen Weg sehen. Es reicht, die ersten zwei Meter auszuleuchten.
Fehler sind der Treibstoff. Ja, wir werden Fehler machen. Wir werden wahrscheinlich im Hafen falsch anlegen oder ein Werkzeug im Kanal versenken. Na und? Das ist Teil der Geschichte.
Wir sind Julia und Stefan. Wir haben keine Ahnung, aber wir haben einen Plan. Wir haben fast keine Erfahrung, aber wir haben Salacia. Und wir haben den festen Glauben daran, dass das Leben zu kurz ist, um es im Wartezimmer der Träume zu verbringen.
Begleitet uns auf dieser Reise. Von den ersten Schleifarbeiten in Recke bis zum ersten Sonnenuntergang auf dem offenen Meer.
Das Abenteuer hat gerade erst begonnen.