Von der Couch auf den Ozean: Warum wir alles wagen, ohne zu wissen, wie man segelt
We have a dream. Man sagt, die großen Wendepunkte…
Hallo zusammen, hier ist Stefan, und ich habe eine wichtige Nachricht für alle, die glauben, das Leben sei ein Ponyhof: Es ist ein verrosteter Kahn. Genauer gesagt, es ist die Salacia, unsere Segelyacht. Und ich habe im Januar 2025 in Holland den größten Fehler (oder das größte Abenteuer, je nach Tagesform und Alkoholpegel) meines Lebens begangen.
Stellt euch vor: Januar 2025. Holland. Das Wetter war so grau wie meine Laune, nachdem ich das erste Mal in die Bilge der Salacia gestarrt hatte. Bilge. Schon das Wort klingt nach Elend. Und das, was ich sah, war das Epizentrum des metallurgischen Zerfalls. Rost. Überall Rost. Nicht nur ein bisschen Flugrost, wie an Opas altem Fahrrad. Nein, das war echter, wuppdich-dicker, schuppiger Rost, der aussah, als hätte jemand eine ganze Ladung Cornflakes aus der Hölle da unten ausgeschüttet.
Meine erste Reaktion? Ich war kurz davor, den Kahn direkt am Kai zu versteigern und das Geld in eine neue Couch zu investieren. Meine Seele krampfte sich zusammen. Das war keine Segelyacht, das war ein Mahnmal für Vergänglichkeit. Meine innere Stimme, die normalerweise so schön von karibischen Sonnenuntergängen faselt, schrie nur noch: „LAUF, STEFAN, LAUF!“
Doch dann kam der Stefan-Moment der Vernunft (oder war es einfach nur Starrsinn?). Irgendjemand (wahrscheinlich Julia, diese Nerven wie Drahtseile) meinte: „Stefan, der Rest des Bootes sieht doch gut aus.“ Und tatsächlich, nachdem ich mich vom Bilgen-Schock erholt hatte und meinen Blick hob, sah ich: Einen wirklich stabilen Rumpf. Ein vielversprechendes Deck. Und ein Funkeln in Julias Augen, das mehr sagte als tausend rostige Schrauben.
Also haben wir es getan. Im April 2025 haben wir die Salacia gekauft. Weil man Träume haben muss. Sonst ist das Leben doch nur eine Abfolge von Rechnungen und Bürokratie. Und ich wollte nicht nur leben, ich wollte erleben.
Nach dem Kauf kam die nächste Etappe: Die Überführung. Die Salacia lag noch in Dintelmond, Holland. Unser Ziel: Recke am Mittellandkanal. Wer jetzt denkt: „Ach, ein bisschen Bootfahren“, der kennt Stefan nicht. Und er kennt nicht die Binnenwasserstraßen im Oktober 2025.
Es war ein Abenteuer, das meine Haare noch grauer gemacht hat, als sie ohnehin schon sind. 13 Schleusen! Dreizehn Mal rein, warten, hochfahren, raus. Ich am Steuer, mein Puls bei 180, schimpfend wie ein Rohrspatz über jeden Schleusenwärter, der nicht hellsehen konnte, wie ich meine 12 Meter Stahl gerne hätte. Ich, der handwerklich so begabt ist wie ein Faultier beim Turmspringen, sollte dieses Ding durch enge Kanäle steuern!
Julia daneben, seelenruhig. Die Frau hat Nerven aus purem Titan. Während ich Panik schob, weil die Salacia in der Schleuse mal wieder einen Millimeter zu nah an der Wand schrammte, hielt sie die Leinen so cool, als wäre sie auf einer Sonntagsfahrt. Sie war der Fels in meiner Brandung der Ungeduld. Und die Salacia? Sie hat gehalten! Sie hat uns über die Binnenwasserstraßen getragen, durch die Schleusen, vorbei an Schiffsbegegnungen, die mich kurzzeitig an meine Lebenserwartung zweifeln ließen. Sie hat bewiesen: Unter all dem Rost steckt ein echter Kämpfer.
Nun liegen wir in Recke am Mittellandkanal. Hier beginnt der eigentliche Refit. Und das ist kein Wellness-Urlaub, Leute. Das ist Abriss. Das ist Entkernung. Das ist alles muss raus, damit wir endlich an diesen verdammten Rost in der Bilge kommen.
Ich, Stefan, bin der ungeduldige Abriss-Experte. Wenn ich ein Brecheisen in der Hand halte, sehe ich mich als Wikinger, der ein Schiff erobert. Ich will, dass es schnell geht. Am besten gestern schon. Wenn eine Schraube klemmt oder ein Holzbrett sich weigert, seinen angestammten Platz zu verlassen, dann steigt mein Blutdruck ins Unermessliche. Dann mutiert die Salacia vom Traumschiff zur „Rost-Gondel des Grauens“, und ich bin kurz davor, einen Wutanfall zu bekommen, der die ganze Werft erschüttert. Handwerklich? Naja, sagen wir so: Meine Stärke liegt eher im Motivieren… oder im Fluchen.
Julia? Sie ist die strategische Ruhe. Während ich mich wie ein wilder Stier durch die Bootsinnereien kämpfe, die Gerüche der letzten 26 Jahre in mich aufsauge und dabei wahrscheinlich mehr Staub inhaliere, als gut für mich ist, behält sie den Überblick. Sie ist diejenige, die Listen macht, die Werkzeuge organisiert und mich mit einem Blick beruhigt, der sagt: „Stefan, das ist nur Schmutz. Das kriegen wir hin.“
Und wir haben schon einiges geschafft! Man glaubt es kaum, aber: Die Vorschiffkabine ist bereits komplett entkernt! Ein kleiner Triumph gegen den Berg an Arbeit. Da, wo einst muffige Polster und klapprige Schränke waren, ist jetzt nackter, rostiger Stahl. Es ist ein beängstigend schöner Anblick. Ein Anfang.
Ich gebe es offen zu: Wenn ich sehe, wie viel Rost da unten noch lauert, bekomme ich immer noch weiche Knie. Ich habe Angst, dass wir uns übernommen haben, dass der Rost uns frisst, bevor wir ihn fressen können. Handwerklich sind wir beide keine Genies. Aber wir haben einen entscheidenden Joker: Julia arbeitet im Büro einer Schlosserei. Sie kennt die Abläufe, sie kennt die Materialien, und sie hat Zugang zu dem wichtigsten Gut: Profis.
Und auch ihr Onkel ist Schlosser. Ein echter Profi. Das ist unsere Lebensversicherung für die Metallarbeiten, die uns bevorstehen. Wenn die Flexen angeworfen werden und der Stahl geheilt werden muss, dann wissen wir, dass wir Unterstützung haben. Das gibt mir (dem ungeduldigen Handwerks-Analphabeten) ein bisschen Ruhe.
Warum tun wir uns das alles an? Warum kaufen wir einen rostigen Eimer und schleppen ihn über halb Europa, nur um ihn dann wieder auseinanderzunehmen?
Weil wir einen Traum haben. Und Menschen müssen Träume haben, sonst leben sie nicht wirklich, sie existieren nur. Wir wollen diese wunderbare Erde erkunden. Wir wollen die Segel setzen, das Rauschen des Meeres hören und sehen, was hinter dem Horizont liegt. Die Salacia ist der Schlüssel zu diesem Traum. Sie ist der Weg, auch wenn dieser Weg momentan aus Staub, Rost und meinem Gejammer besteht.
Es wird laut. Es wird dreckig. Und ich werde wahrscheinlich noch so einige Male am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehen. Aber wir ziehen das durch. Für die Salacia. Für den Traum. Und weil Julia mich mit ihrer stoischen Ruhe immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt.
Bleibt dran, der Wahnsinn geht weiter! Nächster Halt: Der Rest des Interieurs! Und dann, Leute, dann kommt der Rost an die Reihe!
Ahoi und wünscht meinem Blutdruck alles Gute,
Euer Stefan (und die unverwüstliche Julia)